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Erfahrungsbericht 4

Irgendwo habe ich gelesen, dass Kinder die Eltern nicht die ganze Zeit brauchen. Unsere Kleine hat uns oft die ganze Zeit gebraucht.

Und wir bereuen nicht was wir alles für sie gemacht haben.

 

Ich hatte keine Erfahrung mit Babys und Kleinkindern. 

Ich war sehr naiv und dachte, wenn ich ein Baby habe, werde ich die perfekte Mutter und Hausfrau, immer gut gelaunt und verfügbar...wie man es in Filmen sieht.

 

Ein einfaches Leben mit viel Freizeit.

 

Heute weiss ich, dass Hausfrauen meistens mehr leisten, als Berufstätige.

Da ich als Hausfrau manchmal nicht weiss, wie ich den Tag bewältigen soll, bewundere ich alle, die sich entschieden haben, neben dem Muttersein,

noch zu arbeiten.

 

Meine Schwangerschaft war ein Traum.

Keine Übelkeit, fast keine Beschwerden, ich war so glücklich. Obwohl ich ausgeglichen war, bin ich sonst eher eine Pessimistin.

 

Temperament!

Unsere Tochter Amélie kam am 10.09.2010 per Kaiserschnitt (sie lag mit den Füssen unten) auf der Welt. Ob dies ein Einfluss auf die erste Zeiten hatte...? 

Auf jeden Fall war ihr erster Schrei war so kräftig, dass die Hebamme meinte, sie habe Temperament! In den ersten Stunden hat sie immer geschrien, sobald sie nicht in meinen oder Papas Armen war.

Wir waren überglücklich, sie war gesund und die Zeit im Spital verlief gut, obwohl ich komische Gedanken hatte: was wäre, wenn ich sie fallen lasse? 

Sie ist so winzig und schutzlos.

Zurück zu Hause war für sie ein Schock: sie weinte sobald man sie ablegte und beim Einschlafen half nichts. Sie lag im Flieger auf Mamas oder Papas Arm und hat 40 Minuten lang geschrien bis sie schlief.

 

Tragen, tragen, tragen...

Später hat mir eine Mütterberaterin erklärt, dass es solche Kinder gibt: sie schreien sich ins Schlaf, auch wenn man sie die ganze Zeit trägt.

Wir sind Kilometer in der Wohnung spaziert. Das einzige, was sie beruhigt hat, war das Tragen. Zum Glück hatte ich einen Tragtuch, später eine Tragehilfe, denn wir haben sie ca. 15 Monate getragen. Bis 6 Monate ständig, dann bis 1 Jahr weniger und nachher nur noch täglich ca. 1 Stunde damit sie den Schlaf findet.

 

Die Nächte wurden zum Glück bald besser. Nur das Einschlafen war mit 40 Minuten lang weinen und rumlaufen verbunden.

Am Anfang mussten wir uns mit ihr hinlegen, sie hat die Hälfte der Nacht auf uns geschlafen, die andere Hälfte zwischen uns im Bett. Bald merkten wir, dass sie lieber auf dem Bauch schläft.

 

Rhythmus & Routine

Routine, Rhythmus (Essen und Schlafzeiten immer gleich) und weniger Reize haben uns sehr geholfen, und es ging mit ca. 3-4 Monate besser. Wir konnten wieder aufstehen, sobald sie eingeschlafen war.

Endlich mal wieder 2 Stunden nur für sich! Mit meinem Mann haben wir uns abgewechselt. Er hat sie sehr viel am Abend und am Wochenende getragen.

Die beide haben dadurch eine sehr enge Beziehung.

 

Auf den Instinkt hören!

Mit 6 Monate hat sie in ihrem Bett in unserem Zimmer geschlafen und kurz später in ihrem Zimmer. Schon bald haben sich die 40 Minuten Einschlafzeit auf 20 reduziert und bald konnten wir sie wach ins Bett legen. Sie hat noch ein paar Minuten gequengelt und manchmal mussten wir wieder ins Zimmer um sie zu beruhigen. Später ist sie sogar ohne weinen alleine eingeschlafen.

 

Ich weiss nicht, ob man sagen kann, dass meine Tochter ein Schreibaby war,

weil wir schnell bemerkt haben, dass sie nicht weint, wenn man sie trägt.

Nach ca. 6 Monaten fing sie an krabbeln und war somit zufriedener.

Noch zufriedener wurde sie, als sie mit 14 Monate gehen konnte. Auch ein Glück für mein Rücken, dass meine Tochter ein Leichtgewicht ist: mit 1 Jahr war sie „nur“ 8 Kg schwer.

Schuldgefühle

Ich war sehr enttäuscht von meiner Mütterberaterin: Sie meinte, es sei alles normal. Da ich keine Erfahrung hatte, glaubte ich ihr. Auch andere Leute haben angedeutet, dass es meine Schuld ist: Weil Amélie so viel geweint hat, war ich gestresst und konnte meine innere Ruhe nicht mehr finden.

Es hat sicher etwas, denn Kinder spüren alles. Aber ich denke, es hängt auch

mit dem Temperament des Kindes zusammen. Aber natürlich war ich von

Schuldgefühlen geplagt und sah mich als Versagerin.

 

Auch ich dachte ständig, wir verwöhnen sie. So ein Quatsch! Heute bin ich überzeugt, dass man ein kleines Baby nicht verwöhnen kann.

 

Ich, die ich mich so sehr gewünscht hatte, im Mutterglück zu leben, war nur noch deprimiert. Ich hatte auch Wut in mir und die Frage: warum gerade ich? 

 

Ich begann viel zu lesen, Bücher und im Internet, über den Schlaf, Rhythmus.

Ich habe nie aufgehört, Antworten auf meine Fragen zu suchen. Und das hat mich gerettet. Hart ist aber, die Hilfe musst du immer selber suchen.

Ich habe mir eine andere Mütterberaterin ausgesucht. Einzig schade, dass ich

6 Monate gewartet habe. Sie hat sich viel Zeit genommen und hat meine ganze Geschichte gehört.

Die Mütterberaterin konnte mir keine Lösung anbieten. Aber sie konnte mir erklären, dass unsere Tochter ein Baby mit starken Bedürfnissen ist. Und bleiben wird. Das heisst, sie benötigt in vielen Dingen eine Extraportion: an Tragen, Nähe, Sicherheit, Geduld. 

 

Ausserdem kann sie nicht gut runterfahren (sie ist sehr aktiv). Sie kämpft gegen den Schlaf, als hätte sie Angst, etwas zu verpassen. Auch wollte sie nie

einen Nuggi oder etwas anderes zum Nuckeln und Beruhigen, wie z.B. eigene Finger, Schmusetuch...). Wir müssen eine sanftes, ruhiges Ritual machen und uns (viel) Zeit dafür nehmen.


Ich merke es heute noch. Amélie ist jetzt 2 Jahre alt) und sie ist nicht die Einfachste. Aber sie ist schlau, glücklich und feinfühlig und wird wahrscheinlich so bleiben.

Ich musste das hören, es hat mir so gutgetan. So war ich doch nicht an allem schuld, ich konnte wieder atmen. Gleichzeitig fiel ich in einer leichten Depression. Auch da habe ich selber Hilfe gesucht. Ich wurde in die 

Psychiatrischen Dienste eingewiesen. Leider war der Therapeut überlastet und ich fand ihn nicht sehr hilfreich.

Heute lerne ich, selber damit umzugehen. Ich ging auch zur Krabbelgruppe.

Die anderen Mütter zu sehen und zu hören war und war für mich die beste Therapie. Ich sah, dass Jede ihre Schwierigkeiten oder Probleme hat, dass diese perfekten Bilder eben nur in den Filmen existieren. Denn das Leben mit Kleinkindern ist nicht einfach.

 

Auch ein Elternkurs gab mir wieder Sicherheit und Optimismus und half mir, meine Tochter zu akzeptieren, wie sie ist. Es wird nie mehr wie früher sein: wir sind zu dritt und meine Tochter ist wunderbar so wie sie ist.

Seit ich den Kampf, meine Tochter zu ändern, damit sie meinen Vorstellungen entspricht, aufgehört habe, geht es uns allen dreien besser.

 

Aber es ist nicht einfach. Ich arbeite jeden Tag an mir selbst. Ich bin ebenso sensibel wie meine Tochter. Ich erkenne mich in ihr. Ich habe immer noch viel Wut gegenüber dem Schicksal in mir - obwohl ich weiss, dass Andere viel härter haben. Manchmal muss ich kämpfen, damit schöne Gefühle gewinnen können.

 

Mein Mann unterstützt mich wie er kann. Doch ich fühle mich oft alleine und von niemandem verstanden. Unsere Beziehung hat auch sehr stark darunter gelitten. Beide waren mal nah dran, alIes wegzuschmeissen.

Heute versuchen wir, unsere Beziehung wieder auf die Reihe zu kriegen.

In diesen 2 Jahren habe ich viel über mich gelernt.

 

Wenn ich einen schlechten Tag habe, sehe ich alles schwarz. Sonst geniesse ich den Tag mit meiner Tochter, sie ist humorvoll, lustig und lächelt viel. Durch ihre Sensibilität braucht sie in manche Dinge auch mehr Zeit als andere Kinder.

Zum Beispiel, geht sie erst seit kurzem gerne zu den Grosseltern. Aber richtig wohl fühlt sie sich nur bei Papa und Mama.

 

Ich habe es akzeptiert. Wenn es zuviel wird, sage ich mir, dass ich irgendwann wieder mehr Freiheit haben werde. Ich mache was ich kann, Tag für Tag.