Nicole Troxler
Mein Ziel ist es, die Problematik des Schreibabys bekannter zu machen.
Ich bin Nicole Troxler, geb. 1971, Mutter von Zoe (30.9.02, Mia (29.7.04) und Livia (21.3.07). Zoe hat in den ersten drei Monaten viel geweint. Die Lebensumstellung vom kinderlosen, unbeschwerten Leben zum Muttersein fiel mir schwerer als erwartet. Plötzlich war ich nicht mehr nur für mich alleine verantwortlich sondern musste rund um die Uhr für ein kleines, hilfloses Baby sorgen. Ich hatte erwartet mit meinem gesunden Menschenverstand und mit dem Mutterinstinkt das Baby dann schon zu schaukeln'. Aber es kam anders. Ich hatte kein Vertrauen in meinen Mutterinstinkt, war verunsichert von all den vielen gut gemeinten Tipps und Anregungen aus dem Umfeld. Ich bekam Schuldgefühle, da ich nicht fähig war, mein Kind zu beruhigen bzw. weil das erwartete Glücklichsein einfach nicht ungetrübt war. Ich sah all die anderen Mütter mit ihren ruhigen Babys und dachte, dass ich etwas falsch mache. Heute weiss ich, dass ich nichts falsch gemacht habe, sondern dass es einfach Babys gibt, die mehr schreien als andere.

Vor der Geburt meiner zweiten Tochter war ich gewappnet. Ich erwartete es gleich wie bei Zoe und stellte mich auf drei harte Monate ein. Obwohl ich davor Angst hatte, dachte ich doch, dass ich das nun meistern würde. Mia war aber noch schlimmer als Zoe. Zoe konnte ich wenigstens meistens durch herumtragen beruhigen, bei Mia nützte gar nichts. Sie schrie schon morgens um 6 Uhr, liess sich weder durch Tragen, noch im Kinderwagen oder im Auto beruhigen. Ich sagte mir immer wieder, dass es vorbeigehen würde, aber ich geriet trotzdem in die Stressspirale. Ich wurde unausgeglichen, müde, traurig, hilflos, wütend. Und das obwohl meine grosse Tochter jede Woche 1 1/2 Tage in die Krippe ging und meine Schwiegermutter sowie meine Mutter mich tüchtig unterstützten. Manchmal belastete es mich zusätzlich, zu sehen, dass diese zwei Frauen selbst ans Limit kamen. Sie fühlten sich ebenfalls hilflos, weil sie Mia nicht helfen konnten und hatten Mühe, meine aggressiven Ausbrüche zu verstehen.

Zum Glück wusste ich bereits aus der Zeit mit Zoe, dass die Osteopathie helfen kann. Ich meldete mich gleich an. Die Osteopathin konnte das Bauchweh von Mia sofort lösen, das Schreien blieb aber. Nach der zweiten Behandlung war Mia total entspannt und für vier Tage ganz ruhig, dann kippte es wieder. Nach der dritten Behandlung blieb die Wirkung zwei Wochen. Die Osteopathin hatte aber während der Behandlung schon gemeint, dass Mia ein harter Brocken sei und ich nochmals kommen müsse. Auf Drängen meiner Schwiegereltern (an dieser Stelle vielen Dank an meine Schwiegereltern) ging ich dann mit Mia noch in die Manualtherapie. Mir war dieser Gedanke ein Graus, denn ich selbst hätte Angst meinen Kopf hinzuhalten. Die ersten vier Tage nach der Behandlung war alles fast noch schlimmer und dann plötzlich, wie auf Knopfdruck, war meine Tochter wie ausgewechselt. Sie war fröhlich, entspannt und lachte. Das Schreien hatte ein Ende. Allerdings dauerte es drei Wochen bis ich dem Frieden traute. Natürlich weinte sie immer noch, wenn sie Hunger hatte oder müde war, aber das Weinen hatte eine ganz andere Qualität. Es war nicht dieses schrille Schreien, sondern eben ein Weinen. Noch heute geniesse ich jeden Tag mit meinen zwei Mädchen und bin dankbar, dass wir Mia helfen konnten. Mit der Osteopathie mache ich trotzdem noch weiter, damit Mia wirklich im Gleichgewicht bleibt.

Da ich während dieser schwierigen Zeit aus meinem Umfeld zwar Verständnis bekam, mich aber doch nicht richtig verstanden fühlte, entleerte ich meine Gefühle und Gedanken im Internet und schrieb dort ein Tagebuch. Es half mir, meine Gedanken anonym und netto niederzuschreiben. Viele Frauen berichteten daraufhin, dass es Ihnen genau so ergehe. Es tat mir gut, zu lesen, dass ich nicht die Einzige war, der es so ging. Ich fühlte mich verstanden. So fasste ich den Entschluss eine Plattform zu schaffen, wo man Informationen über Schreibabys und Beratungsstellen findet und Erfahrungen austauschen kann. Auch wenn nicht bei jedem Baby eine konkrete Ursache für das Schreien festgestellt werden kann, hilft es doch, wenn man Gleichgesinnte findet oder mit einer kompetenten Person sprechen kann, die einem vermittelt, dass man eine gute Mutter ist,nichts falsch macht und sich nicht schuldig fühlen muss. Im Internet lernte ich Tonja kennen. Sie ergriff die Initiative und organisierte einen Entlastungsdienst. Wie es der Zufall oder das Schicksal wollte, wohnt Tonja im selben Dorf wie ich, eine Strasse von mir entfernt. So haben wir unsere Projekte zusammengelegt und den Verein ‚Schreibabyhilfe' gegründet. Dank vielseitiger Unterstützung konnten wir unser Projekt realisieren.
 


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